Mitteldeutsche Zeitung, Halle/Saalekreis - 08.11.2007

M├Ąnner mit Perle sagen weltweit Lu-lu

Mit der Burgweihe gab es j├╝ngst ein gro├čes Ereignis bei den Schlaraffen. Sie nahmen ihren neuen Treffpunkt, die Salzgrafenburg, in Besitz. Rund 20 weit gereiste Ritter aus fremden ┬źReychen┬╗ waren an diesem Abend zu Gast. So auch Ritter Genusso, f├╝r den ein Ehrenspalier gebildet wurde. (Foto: MZ)

VON SYLVIA POMMERT

"Unser Tun ist nicht zu erkl├Ąren", sagt Bleilaus von der Letter und lacht herzhaft. Damit hat er zweifellos Recht. Denn was sich immer mittwochs 20 Uhr in der Salzgrafenburg (die vor kurzem noch eine ganz normale Gastst├Ątte in der Emil-Abderhalden-Stra├če mit dem Namen "Zum Korken" war) abspielt, erschlie├čt sich f├╝r Au├čenstehende nicht auf den ersten Blick. Ritter Bleilaus kann das nachvollziehen.

Vor knapp zehn Jahren erging es ihm ├Ąhnlich. Damals hie├č er noch Peter Drabe und war Journalist. Und er schrieb ├╝ber die Gr├╝ndung der Schlaraffen-Kolonie "Hala Salensis", die sich mit viel Brimborium im neuen theater vollzog. Wenig sp├Ąter geh├Ârte er selbst dazu.

Vielleicht sollte man die Zeit etwas zur├╝ckdrehen, um den Zugang zur Welt der Schlaraffen zu finden. Mitte des 19. Jahrhunderts war es, als deutsche Schauspieler, Operns├Ąnger, Journalisten und M├Ązene in Prag einen M├Ąnnerbund namens "Arcadia" gr├╝ndeten. Schon bald aber beanspruchte die h├Âhere Gesellschaft den Bund f├╝r sich. Wer zwar geist- und talentvoll, aber weitgehend mittellos war, blieb drau├čen. Und also trennten sich die K├╝nstler und Journalisten von den Gelds├Ącken und gr├╝ndeten mit der "Schlaraffia" einen neuen Bund. Eigentlich war das im Jahre 1859. Doch da die Gr├╝ndung in einer Lokalit├Ąt ablief, ├╝ber deren Eingang ein steinerner Uhu thronte, machte man an ihm die neue Zeitrechnung fest. Die Gr├╝ndung der halleschen Schlaraffen-Kolonie fand folglich anno Uhui 139 statt.

Mehr als 400 Reyche (ein Reych bilden Schlaraffen aus einer Stadt) entstanden seither weltweit. Sie wurden durchnummeriert. Halle erhielt die 417. Rund 12 000 Mitglieder - bezeichnet als Ritter, Knappen, Junker oder Pilger - leben nach den Grunds├Ątzen der Vereinigung, die in Schlaraffen-Spiegel und Ceremoniale festgehalten sind. "Schlaraffia ist die innige Gemeinschaft von M├Ąnnern, die ...die Pflege der Kunst und des Humors bezweckt, und deren Hauptgrundsatz die Hochhaltung der Freundschaft ist", hei├čt es da zum Beispiel. Im Grunde k├Ânne jeder Mann beitreten, der Deutsch spricht, meint Bleilaus von der Letter.

Freilich, ein paar andere Grunds├Ątze gibt es da auch noch. "├äu├čerungen zu Politik, Religion oder gar frauenfeindliche Erg├╝sse sind nicht gestattet. Die st├Âren die Harmonie." Frauen an sich st├Âren sie nicht. Zweimal im Jahr d├╝rfen sie teilhaben an jener Mischung aus Ernsthaftigkeit, Schabernack und Persiflage des Rittertums. Und das ist zur "Uhu-Baumfeyer" - man ahnt, es ist das Weihnachtsfest - und beim allj├Ąhrlichen Giebichensteinfest. Wenn es auf der Burg gar ritterlich zugeht und der Sprung Ludwigs des Springers immer aufs neue (gefahrfrei) zelebriert wird, sind Kind und Kegel in munterer Zahl dabei. Bei allen anderen Sippungen (Treffen), die gew├Âhnlich in der Winterung (Winterhalbjahr) stattfinden, sind die M├Ąnner zwar unter sich - l├Ąngst aber nicht immer in gleicher Runde. Schlie├člich ist es ├╝blich unter Schlaraffen, in die Welt hinauszureiten oder selbst G├Ąste zu empfangen. Bleilaus hat zum Beispiel Ritterkollegen in Frankreich und Italien besucht.

Diese Aufenthalte kann er im Schlaraffenpass nachweisen. Weitgereiste Ritter aus fremden Reychen schauen regelm├Ą├čig an der Saale vorbei. Das ist alles kein Problem. Schlie├člich sprechen auch Schlaraffen aus den USA, Australien oder Afrika Deutsch. An der kleinen Perle im Revers erkennt sie einander und gr├╝├čen sich mit einem lauten "Lu-lu". Gew├Âhnlich besorgt man Quartiere und zeigt die jeweiligen Reychs- Sehensw├╝rdigkeiten.

Als farbenfrohes Spektakel erleben G├Ąste und Einheimische die Sippungen. Neben festen Zeremonien gibt es eine Reihe von musikalischen und wortgewaltigen Beitr├Ągen. Jeder Schlaraffe hat so seine ganz eigenen Qualit├Ąten. Doch wie gut die auch immer sind - nach drei Minuten ist Schluss mit Gesang oder Rezitation. F├╝r besondere Verdienste (auch in der Unterhaltungskunst) gibt es Ahnen - heute w├╝rde man Sticker sagen. Man tr├Ągt sie an der reychstypischen R├╝stung. Bleilaus scheint besonders erfolgreich zu sein. Sein rot-wei├čer Umhang l├Ąsst beim Laufen schon ein leichtes Klimpern h├Âren.

Etwa 30 Schlaraffen gibt es in Halle. Nachwuchs mit Sinn f├╝r Gaudi ist jederzeit willkommen. Denn wie hei├čt es doch im dicken Band von "Derer Schlaraffenlieder": "Es ist Schlaraffias sch├Ânste Zier ein harmlos heit'res Streben. Drum sollen stets als Br├╝der wir Uhus Verehrer leben." Ah ja, und was sagt Peter Drabe dazu? "Die Texte haben nicht unbedingt viel Sinn, aber es klingt sch├Ân."

N├Ąheres zu den halleschen Schlaraffen findet sich unter  hala-salensis.de
Artikel URL:  http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/maenner-mit-perle-sagen-weltweit-lu-lu,20640778,18610626.html

(Copyright ┬ę Mitteldeutsche Zeitung. Alle Rechte vorbehalten. Vervielf├Ąltigung nur mit Genehmigung des MDVH)

 



ZUR├ťCK

 

 Reych 356. Schlaraffia® Porta Westfalica.

 Die Seite wurde aktualisiert am 18/09/2019 um 12:48.